Yee-haw! Das Stahlross ist gesattelt.

Rodeo. Das Wort stammt vom portugiesischen Wort „rodear“ ab, was so viel wie „umrunden“ bedeutet und es ist die gängige Bezeichnung für das aus Brasilien stammende Reitsporturnier mit verschiedenen Disziplinen.
„Labs“, ist die englische Kurzform für Laboratorien.
Und was hat das eine jetzt mit dem anderen zu tun??

Wer hier liest, ist sich ja schon mal im Klaren darüber, dass es um Fahrräder geht. Ich laboriere schon länger mit dem Gedanken, mir ein Rad für die Waldautobahnen in der Umgebung zuzulegen. Bisher hat mein über 30 Jahre altes Bridgestone Mountainbike dazu herhalten müssen. Komplett ungefedert, mit kaum profilierten Dirt Bike Reifen, äußerst schlecht bremsend und schwer wie ein ausgewachsener Bulle.

Aber Spaß macht das alte Ding. Und genau diesen ungefederten, schnellen Spaß will ich seit mehr als einem Jahr etwas ausbauen. Mit einem modernen Rad für Waldwege, leichte Trails, lange Strecken, Potential für extra lange Touren und vielleicht mal ein Bikepacking.
Die Wunschliste der Eigenschaften war schnell gemacht und umfasste 6 Punkte:

  1. Stahlrahmen
    → Es gibt Gründe für und gegen Stahlrahmen. Ich mag Stahl. Stahl federt schön mit, es wird nicht spröde und reißt wie Alu, und es ist nicht so teuer wie Carbon. Ich mag die Ästhetik von Stahlrahmen, die Ehrlichkeit, die Langlebigkeit.
    Mein Bridgestone und mein Mountain Goat sind beide aus Stahl.
  2. Carbon Gabel
    → Die sind oft nur halb so schwer wie eine Stahlgabel und ich finde, das Rad sieht dann moderner aus.
  3. Reifen
    Platz für mindestens 48mm/1.9″ breite Reifen, präferiert bis zu 60mm/2.2″
    → Ich komme vom Mountainbike und schätze breite Reifen für ihren Komfort und die Möglichkeit damit auch abseits befestigter Wege viel Spaß zu haben. Breite Reifen kann man mit weniger Luftdruck fahren, was den Komfort erhöht.
  4. Kettenblätter
    Platz für 2-fach Kettenblätter vorne
    → Ich war der Meinung, dass ich zwei Kettenblätter brauche, um eine höhere Bandbreite und weniger große Sprünge bei der Übersetzung fahren zu können. Ich nehme hier schon vorweg, dass ich aufgrund der Schwierigkeit der Teileversorgung in 2020 das Rad jetzt doch nur mit einem Kettenblatt vorne aufgebaut habe. Ich habe aber trotzdem schon einen zweifach Hebel links verbaut und den Adapter an der Kurbel für ein zweifach Setup hier liegen. Nur der Umwerfer fehlt noch. Einfach oder zweifach ist ein bisschen Beides: Eine Sache der persönlichen Präferenz und ein bisschen Glaubenskrieg.
  5. Vorbereitung für die Montage von Packtaschen an Gabel und Hinterbau
    → Ich habe noch kein Bikepacking Abenteuer unternommen, aber reizen tut es mich und so habe ich die Option.
  6. Innen im Rahmen verlegte Züge
    → Das hat für mich auch rein ästhetische Gründe. Einfacher für den Aufbau und die Wartung sind außen am Rohr verlegte Züge. Durch die Möglichkeit der Innenverlegung könnte ich noch später elegant auf eine elektrische Schaltung mit Kabel umstellen, wenn nicht kabellos bis dahin sowieso der Standard ist.

In Neudeutsch heißt so ein Rad dann Gravel Bike und sieht aus wie eine Kreuzung von Rennrad mit einem Mountainbike. Eigentlich gibt es das schon seit vielen Jahren und nennt sich Crossrad. Aber für die Raddisziplin Cyclocross oder Querfeldein dürfen die Reifen nur maximal 33mm breit sein und die Rennen gehen nicht über 60 Minuten. Die Räder dafür sind daher asketische, steile Böcke für den Wettbewerb und werden von echten Rennradfahrern gerne für das Wintertraining genutzt. Für eine schöne lange und gerne auch mal gemütliche Ausfahrt durch Wald und Flur ist das also eher nichts. Und da bin ich wohl nicht der Einzige mit dieser Meinung und so wurde fleißig im Labor gekreuzt, was das Zeug hielt und raus kamen die Gravel Bikes, Monster Crosser, Dropbar Mountainbikes und noch ein paar andere Abarten. Das Tolle ist, dass die Grenzen immer mehr verschwimmen und jeder was für sich finden kann.

Und so wurde auch ich im November 2019 über einen Artikel bei Bikepacking.com fündig. Bei Rodeo Labs im fernen Colorado – einem kleinen Hersteller herrlicher Räder. Deren „Flaanimal“ ist schon länger eine Perle unter den Stahl Gravel Bikes. Flaanimal?? Muss ganz klar ein Laborunfall sein?! Ja, und zwar einer dieser guten Unfälle, bei denen etwas ganz Phantastisches raus kommt. Für die fünfte Auflage in 2020 haben sich Stephen Fitzgerald und sein Team bei Rodeo Labs mal richtig in die Arena begeben. Damit die Reifen noch breiter werden können und gleichzeitig zwei Kettenblätter gefahren werden können, haben Sie unten am Tretlager die Verbindung auf der Kettenblattseite nach hinten mit einer so genannten „Yoke“ ausgeführt. Das ist ein aus Stahl gefertiges Bauteil, das flach und vergleichsweise dünn ausgeführt werden kann, um so Platz für einen breiten Reifen und zwei Kettenblättern zu schaffen. Aber so eine Yoke ist auch schwerer ist als ein normales Kettenstrebenrohr. Dafür wurde dann das Sitzrohr und ein Teil des Steuerrohrs aus leichtem Carbon gefertigt, um wieder Gewicht einzusparen.

Und auch sonst tickt das Rodeo Labs Flaanimal 5.0 alle Boxen meiner Wunschliste. Bonuspunkte gibt es für die Kleinserie, für die abriebfeste Beschichtung und für die Möglichkeit mit eigener Farbgebung ein ganz individuelles Rad zu kreieren. Das alles kommt mit einem Preis, aber ihr wisst ja: Gutes Rad ist teuer.

Im Februar 2020 habe ich den Rahmen dann vorbestellt. Erst im September kam der dann in Europa an. Er wurde noch nach meinen ganz speziellen Wünschen lackiert und im Oktober geliefert. Die Zeit zwischen Februar und Oktober habe ich mit viel Radfahren und der Suche nach Teilen für den Aufbau verbracht. Mit Liebe fürs Detail und der Möglichkeit alles selbst auszusuchen wurde so mein eigener „Dream Build“ daraus.

Teil meines Traumrads war es auch, selbst das Rad zu gestalten. Auf der Suche nach meinem Traumrad bin ich immer wieder über das Curve „Kevin of Steel“ gestolpert. Ein heißer Kandidat, der aber nicht mehr in meiner Rahmengröße und in der tollen blau-gelben Lackierung zu bekommen war. Aber dieses Blau! Es war der Grundstein für meine eigene Farbwahl. Zweifarbig sollte es werden. Und ich liebe diese kleinen ‚Tannenbäume‘, die Rodeo auf die 4. Generation der Flaanimals lackiert.

Mein Rad ist nicht lackiert, es ist mit Cerakote beschichtet. Das ist eine hochbeständige Pulverbeschichtung, die urspünglich für Schusswaffen entwickelt wurde. Das auf Fahrräder aufzubringen finde ich aber viel sympathischer. Es hält dem Dreck gut stand, platzt nicht ab, wenn Steinchen dran fliegen und kann in vielen Farben mit einem schönen matten Finish verarbeitet werden. Die Carbonrohre sollten matt schwarz, die Stahlrohre blau werden.
Das waren dann meine Instruktionen für den Lackierer:

Nachdem der Rahmen dann im Oktober geliefert wurde, ging es langsam an den Aufbau. Jedes Wochenende verbaute ich ein paar Teile am Rad.
Bei den Laufrädern war ich sehr dankbar für den Einsatz von Stefan von Hexenwerk Laufrädern. Die wollte ich gerne selbst aufbauen, aber hier kann man wirklich besser auf einen echten Profi wie Stefan vertrauen.

Hier ist meine komplette Teileliste.
Jedes Teil habe ich bewusst ausgesucht und ich bin gespannt wie alles zusammenspielt. Das war mein erster Gravel Bike Aufbau und ich gebe gerne zu, dass ich ein paar der Teile mehr nach Ästhetik denn nach Preiswertigkeit, Gewicht oder Erfahrung ausgesucht habe. Besonders verliebt hatte ich mich schon früh in die wunderschönen Ingrid Kurbeln CRS-POP aus Italien. Tune Teile aus dem Schwarzwald, Syntace Felgen aus Bayern, die Erase Naben aus Belgien und die Hope Bremsen aus England besetzen den europäischen Teilemix. Die Shimano GRX Schaltung, die eThirteen Kassette und die KMC Kette kommen aus Asien. Aus den USA kommen der Cane Creek Steuersatz, das Kogel Innenlager und die Sattelstütze und der 52cm breite „Dropbar“ Lenker mit „Flare“ von Tom Ritchey. Dropbar, so nennt man in der Szene die Rennlenker, weil deren Enden nach unten im Bogen abfallen. Und Flare bezeichnet das ausgestellte Ende dieser Bögen, das typisch an Gravelbikes ist und für mehr Kontrolle im Gelände sorgen soll. Mit roten Kleinteilen habe ich am blau-schwarzen Rahmen ein paar kleine, andersfarbige Akzente gesetzt.

KomponenteDetails
RahmenRodeo Labs Flaanimal 5.0
12×100 vorne, 12×142 hinten
mit Flaanimal 12mm Mechanical Flat Mount Slider
GabelRodeo Adventure Labs Spork 3.0 Carbon
LackierungCerakote, zweifarbig, mir Ornamenten.
Beschichtet durch Tony Spray
SteuersatzCane Creek 110
ExpanderTune Xpanda
LenkerRitchey Venture Max WCS 520mm
LenkerbandSILCA Nastro Cuscino
VorbauTune Geiles Teil 4.0 OV Vorbau
SattelklemmeRodeo Labs
SeatpostRitchey Sattelstütze Superlogic Link Flexlogic Carbon
27,2mm x 350mm
SattelSQLab Saddle 612 ERGOWAVE® active 14cm
TretlagerKogel Bearings T47-i30 (85.5mm / Inboard Lager)
KurbelIngrid CRS-POP 175mm
KettenblattIngrid 40 Zähne
Umwerfer(nicht zu bekommen derzeit, aber geplant ist:
Shimano GRX FD-RX810 Umwerfer 2×11-fach)
SchaltwerkShimano GRX RD-RX812
Kassettee*thirteen XCX PLUS 11, 9-42 Zähne
KetteKMC DLC 12 Kette – 12-fach, schwarz
Schalt-/BremsgriffeShimano GRX ST-RX810 (links 2x / rechts 11x)
BremsenHope RX4, vorne & hinten, für Shimano
Bremsscheiben2x Campagnolo Ekan / Center Lock
Bremsscheiben Verschlussringe2x Hope Centre Lock Ring, rot
LaufräderSapim Messerspeichenmix CX-Ray/-Sprint, Sapim Polyax Alunippel hex schwarz, Sapim Washer
Eingespeicht durch Stefan von Hexenwerk Laufräder
Naben Erase Road CL, black
12×100 / 12×142, mit SRAM XDR
 FelgenSyntace W25i Alu 622, 24 Loch
Ventile Tune Tubeless Ventile, 35mmm, rot
ReifenWTB Venture 700C x 50, Tanwall 
PedaleShimano XTR PD-M9100 
(Race series short-axle IPDM9100S1)
Flaschenhalter2x Flaschenhalter Topeak SL Shuttle Cage, schwarz
KlingelKnog Oi Luxe Large, schwarz/rot
 KleinteileIngrid 110×5 BCD Spider
(für 2-fach Kettenblätter – nicht montiert)
 Bremsschlauch Jagwire Mountain Pro, stealth black
 2x Shimano Bremsschlauchflansch für BR-R9170 etc.
 Motorex Mineralöl für Hydraulikbremsen
 Schaltzugset Jagwire Elite Sealed 2x , stealth black
 Internal housing damper
 Lizard Skins Chainstay Protector, klar, matt
 Finish Line Tubeless Tire Sealant
 12 x Wolftooth M5x15mm Aluschrauben, rot,
 Tune Spacer Steuerrohr (2mm, 5mm, 10mm, 15mm)
 Aluschraube für Ahead Kappe M6x30mm, rot
 Screws4Bike Edelstahlschrauben mit Linsenkopf, schwarz matt für die Hinterradaufnahme
4 x M8x16 und 1x M6x12
WerkzeugeIngrid Crankset Tool
Werkzeug für Tretlagermontage Unior 1671.T47 – BB Tool (for Enduro Torqtite, 16  notches, outer 52,13mm , inner  48,12mm)
Teileliste

Und jetzt ist er fertig, der Bock und will geritten werden!
Für Fragen stehe ich gerne zur Verfügung, also seid nicht scheu. Und wenn ihr auch Lust auf fröhliche Runden durch den Wald auf einem Gravel Bike habt, dann meldet Euch gerne und ich helfe mit einem Überblick, was der Markt für jedes Budget so her gibt. Der boomt nämlich und die Auswahl dessen, was die Radlaboratorien ausspucken, wird immer größer.
Bis bald im Wald!

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